Wolfgang Wallner-F.

irre_parabel
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LESEPROBE


1

„Tom!“
Keine Antwort.
„Tom!“
Keine Antwort…

Klacks:
„I am what I am,
yes, I’m one of the people
I scheme and I dream and I try
I am what I am,
yes, I’m one of the people
I’m happy to live `til I die“
wütete der Radiowecker mit dem Reggaesong der britischen Band Greyhound plötzlich los und beendete erbarmungslos den kaum begonnen, vielversprechenden Tom Sawyer-Traum.

Wie immer an solchen Morgen stülpte ich sofort das leere Goldfischglas über den Wecker, was einen angenehmen Ton bewirkte.

Zumindest meinte ich das.
Ihr kennt das ja, der Wecker war defekt und nicht abzuschalten.
Außer man zog den Stecker raus, dann musste man aber wieder alles neu einstellen.
Das Aquarium war einfacher und den Goldfisch Polythene Pam, benannt nach Mister Mustards Schwester, gab es damals ohnehin schon lange nicht mehr.

Nichts gegen Reggae, aber um sieben Uhr Morgens?
I am what I am.
Ein Lied mit diesem Titel gab es später ja auch von der Gloria Gaynor, eine ruhige, sanfte Hymne aus dem Musical "Ein Käfig voller Narren".
Damals kannte ich diesen zweiten Song aber noch nicht, außerdem bin ich ohnehin weit von dieser Symbolträchtigkeit, die das andere „I am what I am“ verkündete, entfernt.
Meine Vorliebe galt immer eindeutig dem weiblichen Geschlecht.

Wie auch immer, in diesem Augenblick sollte ich eigentlich nicht ahnen, dass der Text dieses Reggae-Songs noch wichtig sein könnte.
Nicht mal im Entferntesten dachte ich daran, dass dies der erste Fingerzeig Gottes für mich war.
Und ich ahnte auch tatsächlich nichts dergleichen.
Wenn Du verstehst, was ich mit solchen Sachen wie „Gott“ und „Fingerzeig“ andeuten will.

Ja, noch zum Aquarium.
Früher, ich meine bevor das alles geschah, also…na ja, also eigentlich früher als damals, stellte ich den Wecker nicht ab, ich ließ die Musik einfach laufen. Bis eines Tages der Mieter unten herauf klopfte.
Gut, zugegeben, nicht zum ersten Mal, aber gleich so intensiv!
Vrtal hieß er.
Stand zumindest am Türschild.
Ignaz Vrtal.
War ein tschechischer Name, bedeutet soviel wie bohren, Bohrer, Drill, schleifen, exerzieren, einüben, drillen, Bohrmaschine.
Was sagt man dazu?
Mit solch einem Namen sollte man eigentlich nicht geräuschempfindlich sein. Die Bedeutungen „Drill, schleifen, exerzieren“ aber gaben zu denken.
Lieber nicht anstoßen, es war die Zeit, in der man Pazifismus trug.
Und Ignaz bedeutet ja „Feuer“!
Für solche sinnvollen Hinweise war ich sehr dankbar.
Gesehen hatte ich ihn bis zu diesem Zeitpunkt noch nie.

Es gab da auch ganz andere Mieter im Haus.
Zum Beispiel, nur so ganz zufällig und nebenbei genannt, die schöne Rubich, einen Stock darüber.
Lieber wäre es mir gewesen, ich hätte zu diesem Zeitpunkt schon ihren Vornamen gewusst.
Es war so eine, bei der dies einige Bedeutung hatte.
Doch fehlte mir noch der Mut dazu.
Kennt ihr alle sicher.
Eine Frau!
Was für eine Frau!
Bei solchen Frauen bleibt einem der Mund offen, das Gehirn ist irgendwie weg und die Sprache ohnehin.
Das Einzige, wozu es langte, war, die Balkontüre offen zu lassen, wenn gerade ein Liebeslied im Radiowecker klang.
Sonst ja nicht diese Schnulzen und der ganze Käseschmus, aber es könnte ja vielleicht die schöne Rubich hören, und dann vielleicht…, dachte ich.

Da!
„Je t'aime ... moi non plus“!
Jane Birkin und Serge Gainsbourg!
. . . Aquarium weg, Türe auf, Blick hinauf.
Dort noch finsterste Nacht.
Kein Klopfen von unten!
Ja, das gefiel dem Ignaz vielleicht.
Na gut, Aquarium wieder her, ins Bad.
Wäre ohnehin zu früh gewesen!

„Hallo, da bin ja ich“, dachte ich als ich in den Spiegel sah. Seltsam genug, sich jeden Tag wieder zu erkennen.
Auch nach einer Party wie gestern.
Aber damals war es eben ein Montag und da hatte das Gesicht nicht so viel Gelegenheit, sich zu erneuern und das Gehirn vielleicht nicht genügend Zeit, um zu vergessen.
Kommilitonen vom Musikstudium und manche mehr trinken bekanntlich nicht wenig und bleiben lange auf.
Spontanes Treffen nach dem Beatclub, in dem ich selbst den Bass zupfte.
Star des Abends war ich ja wieder einmal gerade nicht gewesen.
Die blonde Stupsi ging mit einem faden Typen weg.
„Gebe Gott, es war ihr Bruder! Würde ich ihr vergönnen“.
Selbst schuld, wenn man die Gelegenheit im Leben versäumt, hat man eben Pech gehabt. Lange Jahre des Trübsinns und der Traurigkeit lagen nun vor ihr. Aber was machte es, die schöne Rubich war ohnehin nicht dabei. Die ist in einem Beatclub mit Sicherheit noch nie gewesen.
Ganz andere Welt! So ganz, ganz anders, wenn ihr das verstehen könnt.

Dann…, Rasieren befriedigend abgeschlossen, ab in die Dusche!
Im Sommer ging das warme Wasser nicht so richtig, war daher irgendwie gut, dass Jane nicht mehr seufzte.
Kälte tötet sozial und überhaupt.
Und die Türe war ohnehin zu.
Hinein in die abgeschnittene Jean und ins T-Shirt.
Sicherheitshalber auch in den langen Trenchcoat. Man weiß ja nie genau, wie lange so ein Sommer dauern mag.
Immer zwei Stufen auf einmal hinunter zur Straßenbahn!

Da stieg sie gerade ein!
Die Rubich, im roten Kleid!

Zum Glück gab es damals noch die offenen Wägen, wo man aufs Trittbrett springen konnte. Und wo der Schaffner den Fahrschein einige Male zwicken musste und die Löcher die Geheimnisse der Fahrt aufdeckten.
Paul, ein Freund, erzählte mir zufällig am Vortag, er habe einmal den Schaffner gefragt, ob  er ohne Loch wohl keinen fahren lassen könne.
Er musste aussteigen.
Aber ganz geglaubt hat ihm das niemand.

Also nachlaufen, aufs Trittbrett schwingen, möglichst elegant, sonst sinnlos, wegen der Rubich.
Scheiße, sie sah es nicht.
Nur der Gammler da.
Mit dem Schild in der Hand. Was soll das?
„Gib acht auf das Ende! Es könnte schon hinter der nächsten Ecke warten!“
????
Stimmt schon, ich war empfindlich für solche Hinweise, aber dieser! Von dem Typen! Auf dem Pappschild?
„Zugestiegen, jemand noch ohne…“ verlautbarte der Schaffner da.
Und wandte sich an den Gammler.
„Habe ich mir doch gedacht“, dachte ich über mein Denken, hat natürlich keinen!
Also aussteigen!
Ich sah dem Mann gedankenvoll, um beim Denken zu bleiben, nach, als der Zug wieder anrollte. Und sah dabei auch wie die rote Rubich gerade hinter der nächsten Ecke verschwand.
Hinter der nächsten Ecke!!!
Das Ende!
Ich musste meine Gedanken unterbrechen, der Schaffner verlangte von mir sein Recht. So sah ich damals nicht, was eigentlich hinter der nächsten Ecke war.

Ich setzte mich auf einen freien Platz und nahm die Zeitung zur Hand, die unterm Fenster hing.

Das gibt uns Zeit, mehr über mich zu erfahren, denn meine Station war die Endstation. Und bis dahin geschah nichts mehr, was für die Geschichte wichtig wäre zu wissen.
Ihr werdet euch ganz sicher denken: „Ein Thrillix in Ich-Form?
Kein guter Stil.
Nimmt die Spannung!
Da weiß man gleich, dass ich, Thomas, ja Thomas ist mein Name. Noch immer. Deshalb war auch der Traum vom Sawyer so wichtig!
Tom, Thomas, klar?
Also da weiß man gleich, dass der Held, das bin ich, überlebt, wenn man einen Thrillix in Ich-Form schreibt.
Schmecks!
Das ist nicht so sicher!
Aber das werdet ihr erst am Ende verstehen, wenn es am Ende so etwas geben sollte wie „Ende“ und „verstehen“.
Ob und ganz wichtig, welches ich der vielen ichs im Universum und dem ganzen Zeug überlebt hat, von denen, die da herumexistierten.
Aber zuerst irgendwie der Reihe nach, wenn ich das schaffe.
Also die Geschichte, die ich da erzählen will, spielte sich irgendwann um 1970 ab. Die Musik und das Drumherum, eh klar und deutlich, oder?

Meine Eltern stammen aus der CSSR, das ist heute Tschechien, waren nach dem Krieg nach Österreich emigriert und hatten sich in Wien angesiedelt. Deswegen konnte ich auch die Bedeutung des Namens des Mieters unter mir leicht heraus bekommen.
Es gab nur mehr die Mutter, die zu ihrer Schwester ziehen wollte und so konnte ich die ehemals elterliche Wohnung alleine bewohnen.
Nach der Mittelschule inskribierte ich Mathematik, doch der Professor Schollenauge – er hieß natürlich nicht echt so, sein wirklicher Name werde ich hier aber dezent verschweigen – Schollenauge war nicht so mein Fall und Mathematik nur zum Teil.
Da ich aber hervorragend bis vier zählen konnte, konnte ich leicht bei einer Band mitmachen und den Bass zupfen. Höfner, Brettlbass, nicht so toll wie der vom Paul. Nein, nicht der mit dem Fahrschein, wisst schon, der von den Vieren.
Das gefiel mir und soziale Belange, wie die weibliche Psyche zum Beispiel, waren da ein leicht zugängliches Forschungsfeld.
Also begann ich auch Musik zu studieren, die Gitarristen der Band taten das ja auch.
Genau genommen wusste ich nicht, was ich eigentlich einmal machen wollte. Aber wer wusste das auch mit damals etwas mehr als zwanzig Jahren schon.
Und „einem Menschen mit solch gutem Aussehen bei gewisser Beleuchtung, liegt die Welt zu Füssen“, dachte ich zufällig gerade über mich, als die Endstation erreicht war.

2

Die Endstation lag in einem Stadtteil, der früher sicher ein Cottageviertel war. Man konnte an den Häusern und parkähnlichen Gärten deutlich sehen, dass hier einmal wohlhabende Menschen gelebt hatten. Im Laufe der Zeit war das Viertel etwas heruntergekommen, nicht etwa durch übermäßigen Verfall zu bemerken. Es waren wohl kleine Kennzeichen, die zeigten, dass hier nun vorwiegend ältere Leute lebten, die für das Äußere der Häuser nicht mehr viel Mühe aufbringen wollten oder auch konnten.

Hier wohnte meine Mutter im Haus ihrer Schwester.
Ich nannte die Tante Madame Blavatsky.
Sie war wie diese in Russland, während einer elterlichen, also für mich eigentlich großelterlichen Episode, geboren und mehr als geheimnisvoll.
Wie Blavatsky, deren Gründerin, war Tante Helene Mitglied der Theosophischen Gesellschaft. Sie besaß auch sämtliche 20 Ausgaben mit jeweils an die 600 Seiten der Zeitschrift „Lucifer“, deren Herausgeberin die Blavatsky war.
„Lucifer“ stand da, wie Tante Helene immer wieder betonte, für den Lichtbringer:
„Lucifer ist der Lieblingsengel Gottes und er sollte das Licht zu den Menschen bringen. In diesem Sinne war der Titel der Zeitschrift absolut positiv gemeint. Auch wenn die Kirche mit dem Namen den Satan verbindet“, erklärte die Dame, denn eine solche war sie zweifellos, immer wieder, auch ungefragt.

Heute aber war ich nicht wegen der interessanten Tante da, sondern Mutter hatte mich gerufen.
Ohnehin besuchte ich Mutter oft mehrmals in der Woche.
„Es wäre an der Zeit, den Zaun neu zu streichen, Thomas“, begann sie.
„Du weißt, Tante Helene kümmert sich nicht mehr so darum, aber die alte Farbe ist doch ganz unansehnlich!“
Jetzt wusste ich genau, warum ich von Tom Sawyer geträumt hatte. Das konnte kein Zufall sein. Begleitete mich mein ganzes Leben, nicht der Sawyer, aber solche Dinge wie der Traum und so.
„Farbe,  Pinsel und was du sonst noch alles brauchen könntest, liegen sicher im Schuppen rum. Schau einmal nach, was da noch fehlt!“
„Na ja“, begann ich so in Richtung zögernder Hilfsbereitschaft, „muss das gleich sein?
Viel zu tun, du weißt doch, das Studium, die Musik und überhaupt, böses Ührchen…“
„Nicht gleich, aber bald,….bitte!“
„Ich sehe einmal im Schuppen nach, was da ist“, warf ich ein und ging auch gleich aus dem Zimmer.
Im Schuppen waren natürlich keine Farbe, keine Pinsel und auch kein glaubwürdiger Grund, den Zaun nicht zu streichen. Das wusste ich ja schon bevor ich nachgesehen hätte.
Ich wollte nur wieder einmal in dieses alte Holzhäuschen entfliehen, in dem ich als Schulkind schon viele Stunden verbracht hatte.
Da gab es vor allem Bücher! Und nochmals Bücher!
Und hinter dem letzten Regal Bücher ein neues Regal. Sonst auch noch einigen Krimskrams, der interessierte.
Aber dieses Mal sollte ich den Weg dorthin nicht schaffen.
Eine Türe öffnete sich und herein kam…
„Tantchen“, begrüßte ich nicht nur aus Freude über die Ablenkung wie Tom Sawyer, sondern ehrlich liebevoll die Schwester Helene, „was machen die Toten?“
Das war immer ein Thema, das Tante Helene zu einem längeren Gespräch verführte. Und sie liebte mich zumindest ebenso sehr, wie Tante Polly Tom liebte.

„Wo sind die Toten hingekommen, Tantchen“, fragte ich sie nach den obligatorischen Küssen, „Ist es möglich, dass reale Dinge so plötzlich verschwinden?“
„Du willst deine alte Tante wieder einmal auf den Arm nehmen, Thomas?“

„Nein, wirklich, wenn solche Dinge plötzlich verschwinden können, sieht es bedenklich aus mit den Erhaltungsgesetzen unserer Physik und dem ganzen Zeug. Sind diese Gesetze real, dann sind es die Menschen nicht!“
„Willst du damit nicht gar auf den Zaun kommen und erreichen, dass wir diesen nicht als real sehen, um ihn nicht streichen zu müssen?“, warf Mutter ein, die ebenfalls auftauchte.

Mist, dachte ich, ertappt, gute Gelegenheit verpasst, wo die Beiden doch sonst immer auf Maya, auf Illusionen und Buddhismus abfuhren.
Und doch sogar Brahma himself die Unfassbarkeit Mayas besang, die Göttin des Absoluten und der Ewigkeit, da es doch nichts gab, was nicht Maya war.

„Ja mein lieber Neffe, natürlich verschwinden die Toten nicht spurlos, es bleiben Knochen.
Zumindest einige Zeit.
Wenn man den Zaun beizeiten streicht, verschwindet er auch nicht durch Auflösung, glaube mir“.
Die Tante war amüsiert: „Aber du hast schon Recht, das ist nicht wirklich der Mensch, nur seine Reste und gerade die kannten wir nicht als den Menschen, der verstarb. Ein Mensch ist eben mehr als seine Bestandteile.“

Aber für heute, ich meine fürs damalige Heute hatte ich die Lust an solchen Gesprächen vorerst einmal verloren: „Ich bringe beim nächsten Mal alles mit für den Zaun.“
„Ist ja doch nichts im Schuppen“, meinte ich noch zur Mutter und verabschiedete mich von den beiden Frauen.
„Namaste“, verabschiedete sich Tante Helene und Mutter erklärte mit ihrem Gruß die Bedeutung dieses indischen Wortes: „Ich ehre den Platz in dir, in dem das gesamte Universum residiert. Ich ehre den Platz des Lichts, der Liebe, der Wahrheit, des Friedens und der Weisheit in dir. Ich ehre den Platz in dir, wo, wenn du dort bist und auch ich dort bin, wir beide nur noch eins sind.“

Meine Stimmung war trotzdem irgendwie negativ geworden: „Gleichfalls!“
Und ich verbeugte mich auch.

3

Die Straßenbahn fuhr wieder den Weg durch die Randbezirke zurück zu meiner Wohnung.
Missmutig sah ich zum Fenster hinaus.
Heute wusste ich wieder einmal genau, dass in den Schachteln der Häuser, den Wohnungen, hinter den Mauern groteske, verformte Seelen begraben waren, die Tag für Tag immer wieder die Rolle üben, mit der sie sich selbst von ihrer Qualität überzeugen wollen, um zu überleben.
Die Funktionen der winzigen Rasenflächen hinter den kleinen, selbstgezogenen und gestutzten Hecken, die eine Natur vortäuschen.
Was ist mit diesen Menschen in der Nacht, wenn sie alle Utensilien ablegen mussten, die ihnen die Modemagazine zur Erreichung einer Persönlichkeit vorschrieben?
Wenn sie dann nackt durch verschmutzte Scheiben starren und sich eine Wahrheit einschleicht. Die einzige Wahrheit, die sie noch erkennen können. Und sie schreien zu Gott: „Hier gibt es nur Beton und Stein!“

Zugegeben, diese Gedanken stammten nicht original von mir, aber vor einigen Tagen im Cafe hatte auch ich dazu beigetragen, den Mief der Gesellschaft zu definieren. Und klingt gut, oder?
Zaun streichen war eben nicht meine eigentliche Passion, höchstens wenn man darunter eine Leidensgeschichte verstand.
Philosophie manchmal, damals jedenfalls. Und manchmal kann man damit Mädchen finden.

Halt, da kam die Station, in der die Rubich ausgestiegen war.
„Vielleicht führt der Weg zu dem Platz, wo wir beide nur noch eins sind? Die Rubich und ich“, fiel mir ein.

Ich verließ also den Zug und ging zur Ecke, hinter der beim Hinfahren die Rubich verschwunden war.
Der Gammler fiel mir ein.
Gib acht auf das Ende! Es könnte schon hinter der nächsten Ecke warten!

Es war eine Sackgasse, nicht einmal ein Geschäft war hier.
Nur ein Ende der Sackgasse, was ja eine solche Gasse ausmacht.
Nicht einmal das überraschend.
Dort angelangt drehte ich mich noch immer missmutig um.
Nichts zu finden, wohin die Rubich hingegangen sein konnte.

Da war wirklich nichts, was mich betraf, außer vielleicht der Riesenstein, der auf mich zukam.

Es gab keine Möglichkeit, ihm zu entkommen.

Der Stein überrollte mich ziemlich geschmacklos und ohne seiner Tat irgendwelche Bedeutung zuzumessen und blieb erst am Ende der Gasse unschuldig vor dem Eingang des begrenzenden Hauses liegen.
Und die Welt konnte den Stein nicht erweichen und umgekehrt.
Die Straßenbahn bimmelte weiter an der Sackgasse vorbei, sogar die Fliegen flogen, als wäre nichts geschehen.
Doch das stimmte nicht so ganz.

Als ich die Augen wieder öffnete, befand ich mich an einem nie gesehenen Ort.
Ich dachte noch, jetzt wäre eine Zigarette gut. In Filmen machen die das immer in ungewohnten Situationen.
Aber hier?
Und außerdem war ich damals auch schon Nichtraucher.
Ähnlich einer riesigen Bahnhofshalle sah das aus, jedoch ohne Fußspuren oder Plakate an den strahlend weißen Wänden.
Und ohne der Hektik von Reisenden, die schnell noch Proviant und Zeitungen suchen, um wenigstens dem Mund Arbeit zu geben und dem Gegenüber nicht in die Augen sehen und mit ihm sprechen zu müssen. (Ja, Philosophie kann auch trösten, nicht nur Zigaretten!).
Nein, das alles gab es dort nicht.
Nur eine ebenso strahlend weiße Bank, in der Wand eingelassen umkreiste die Halle.
Ich selbst saß vom Betrachter (von welchem eigentlich?) an der rechten Seite, ein anderer offensichtlich Wartende an der linken Seite.
Der Boden war nicht auszumachen, eine Schicht von weißem Nebel schwebte darüber.
„Bist du auch einer von Denen?“ fragte das Gegenüber.
„Welche Denen?“ war meine, zugegeben orientierungslose Antwort.
„Ach so“, war vorerst das unverständliche Resultat.

Es gab keine Fenster in dieser Halle, obwohl sie hell wirkte und das ohne irgendwelche sichtbare Beleuchtung. Nur eine einfache hölzerne Türe an der Stirnseite. Da ging ich zu dieser hin und sah auf einem kleinen Schild links daneben: „Eintritt ausnahmslos nur nach Aufruf“.
Die Türe war verschlossen.
„Was bedeutet ach so?“
„Du hattest sicher einen Unfall, oder?“
Der offensichtlich Wartende war ein Mann um die fünfzig.
„Weiß nicht so ganz, da war der Felsen…“
„Bergsteiger? Du hast wahrscheinlich auch nicht die richtigen Schuhe.“
Ich sah hinunter.
Hob zuerst das linke, dann das rechte Bein empor aus dem Nebel.
Richtig, ich hatte gar keine an.
Nur die kurze Jean und den Trenchcoat. Wo die Schuhe hingekommen waren?
„Ich bin kein Bergsteiger. Der Felsen …
Bin ich gar tot?“
Das würde die fehlenden Schuhe erklären, Tote werden ohne Schuhe beerdigt.
„Ich glaube nicht, dass man nur einen Spaß mit dir machte!“
Tot! Und das mit diesem Alter!
Scheiße, daran denkt man doch nicht. Und außerdem war der Zaun noch nicht gestrichen.
Apropos streichen!
„Wenn man stirbt, streicht doch das ganze Leben an einem vorbei, hah? Na wo ist denn das? Heh? Ist doch nichts mit tot!“
„Wer hat dir denn das gesagt? Ein Toter?“
Mist, schon wieder einmal ertappt. Passierte heute schon zum zweiten Mal:
„Na und was ist mit dir?“, konterte ich etwas lauter als notwendig, Tote können nämlich nicht gut die eigene Lautstärke regulieren.
„Unfall, Lastauto und Straßenbahn. Kam fünf Minuten vor dir! Transportierte gerade Requisiten für einen Film, da, schwupps, kam die Tram, wollte ausweichen…umgekippt…tot.“
„Beileid“. Ich war damals noch zu jung um zu wissen, was genau man in so einer Situation sagen sollte.
„Gibt Ärgeres!“
„Ist ja nicht gerade viel los hier“, warf ich da ein.
„Nur wenn die Nachfrage groß ist, bildet sich eine Schlange“, war die Antwort.
Diese Begründung der Bildung einer Schlange blieb mir im Gedächtnis. Schon bald konnte ich sie auch schon verwenden und damit verblüffen.

Im Moment aber wurde meine Aufmerksamkeit abgelenkt, denn da leuchtete plötzlich mitten im Saal ein Schild auf, das vorher nicht zu sehen war:
„Der Nächste bitte“.
„Ich hab Zeit, geh du zuerst, “ meinte der Lastwagenfahrer, „der Tag ist ohnehin schon schlecht gelaufen.“

Ich ging zur Türe, die sich automatisch öffnete. Und sah im nächsten Raum ein fast typisches Büro mit abgestoßenen Möbel, ohne Nebel und anderem Klimbim.
Winkte dem Wartenden noch dankbar und freundlich zu, ging in den Raum und schloss hinter mir die Türe, was ich im selben Moment gleich bereute, denn innen war keine Schnalle zu sehen.
Ein Ort ohne Umkehrmöglichkeit! Sackgasse, schon wieder einmal.

4

Ich setzte mich auf den freien Stuhl vor dem Schreibtisch.
Irgendwoher kam ein bärtiger Mann mit langem weißen Umhang und ebensolchen Haaren. Auch er trug keine Schuhe.
Er setzte sich an die andere Seite des Bürotisches.
„Thomas?“
„Ja“, flüsterte ich, irgendwie kam ich mir zu Unrecht ertappt vor. Wie seinerzeit in der Schule, wenn ich über eine Missetat befragt wurde, von der ich zwar wusste, die aber andere begangen hatten.

„Du weißt ja sicher, warum du da bist?“
„Bin tot…oder?“
Das Gegenüber blätterte in einer langen Liste.
„Wer bist du?“, wollte ich plötzlich wissen.
„Ich werde sein, der ich sein werde!“, kam die zögernde Antwort. Die Liste hatte viele Seiten.
„Heißt das nicht: ‚Ich bin der ich bin‘?“
Mir fiel der Song ein, mit dem ich heute geweckt wurde.
I am what I am!
War das wirklich erst heute?
Was heißt ‚heute‘? Unbedeutend, wenn es kein Morgen gibt!
Ich spürte ein leises, trauriges Ziehen in meiner Magengegend.
Kann ein Toter so etwas überhaupt spüren?
Mit dem Auftauchen dieser Frage verschwand sofort das traurige Magengefühl.

„Ehyeh Asher Ehyeh! Ich bin also ein Gott, der vor allem am Ende der Zeit sein wird . . .  
Ist aber nicht so wichtig, damals wurden die Zeiten nicht unterschieden . . .
Könnte genauso bedeuten: ‚Ich war, der ich werde‘, oder etwa ‚Ich bin, der ich da sein werde‘ oder so . . .
da haben wir es ja.“
Er schlug die Liste an einer bestimmten Stelle um.
„Was?“
„Hat länger als erwartet gedauert, bis du dem roten Engel nachgingst.“
„Roter Engel? Die rote Rubich ist ein Engel?“
„Wirst schon noch sehen, es gibt viele Möglichkeiten jemanden zu rufen! Der rote Engel ist für dein Alter die effektivste.“
„Gut und schön…“, antwortete ich mit leichtem Ton eines Vorwurfes. Es schien mir angebrachter, etwas vorsichtig zu sein, man weiß ja nie was in solchen Situationen noch kommen mag. Was sollte auch das „Wirst schon sehen“? Tote sehen. Lahme gehen und so…?
„…aber tot ist tot“, setzte ich fort,
„Hättest mich nicht extra herholen müssen. Manchen erscheinst du in einem brennenden Dornenbusch oder einer Feuersäule!“
„Wo gibt es in Wien einen Dornenbusch? Und Feuersäule? Da müsste ich ja schon ein Wunder wirken, dass die nicht die Feuerwehr zusammenspritzt.
Aber, keine Angst, du bist noch nicht tot, ist nur ein Versuch.“
„Versuch?“ Irgendwie keimte jetzt eine ganz winzig kleine Feuersäule von Hoffnung in mir auf. Vielleicht würde ich doch noch die Rubich sehen?
„Na ja, du bist zwar hier gerade offiziell tot, aber da wäre noch etwas zu tun.
Ehyeh Asher Ehyeh, du kannst mir dabei helfen!“
JHWH (auch Jahwe genannt, da JHWH für Nichthebräer schwer auszusprechen ist) als den ich mein Gegenüber nun vermutete, sah mir erstmals in die Augen.

„Da wäre noch etwas zu tun? Von mir?“
„Du kannst es zumindest versuchen!“
„Gerne, werde ich dann wieder richtig leben?“ Mir fielen gleich ungefähr zwanzig Märchen oder so ein, in denen Verstorbene noch zusätzliche Chancen erhielten. Und meistens gewannen sie das Leben dadurch wieder.
Vielleicht ein Naturgesetz?
Na gut und schön, meistens war es der Tod, der Knochenmann, dem ein Schnippchen geschlagen wurde, doch wer sagt, dass es nicht Jahwe himself sein konnte? Ungläubiger Thomas? Nein, Märchen verschweigen doch auch einiges.

„Weißt du, es ist einiges schiefgelaufen. Mit den Menschen und solchen Sachen. Und der Grund dazu liegt schon im Paradies. Du kennst die Geschichte mit der Schlange?“
„Eine Schlange entsteht dann, wenn die Nachfrage groß ist!“, wiederholte ich das vorhin Gelernte. Ich wollte pflichtbewusst erscheinen.

„Na das stimmt schon in gewisser Weise“, lachte der Schöpfer, „ein Bedarf war schon da.
Unbestritten ist, dass ich die Welt erschuf“, begann Jahwe, er wusste scheinbar nicht, dass das nicht wirklich unbestritten war, oder er tat einfach so.
Wer aber in der Position des Schwächeren ist, widerspricht besser nicht, das hatte ich in meinem kurzen und hoffentlich zukünftig noch längeren Leben schon gelernt.
Also, kein Einwand!
Zurück zu Jahwes Erklärung.
„Ich muss die Welt einfach geschaffen haben, sonst wäre sie doch nicht da!“ Ein leiser Zweifel war da schon zu hören, dachte ich.
„Also: Unbestritten ist, dass ich die Welt erschuf und damit natürlich auch die Schlange. Woher soll sie auch kommen, es ist ein geschlossenes System.“

Jetzt rotierte mein Gehirn. „Ein geschlossenes System ist ein System, das zwar Energie aber keine Materie mit seiner Umgebung auswechseln kann. Welche Umgebung?
Hmm…Na gut, einstweilen lass ich das mit der Umgebung.
Möglicherweise tauscht ein geschlossenes System aber auch nur Informationen und keine Energie aus. Aber setzt ein geschlossenes System nicht einen Beobachter von außen voraus?
In der Schule lernt man offensichtlich nicht, was man später in Situationen wie dieser notwendig braucht.“
So beschloss ich jetzt einfach einmal zuzuhören, denken konnte ich später, wenn es das für ihn noch einmal geben sollte.
„Ja, natürlich auch die Schlange“, bestätigte ich daher einfach.

„Schön, dass du das so siehst“, entgegnete der Schöpfer.
„Wenn ich aber auch die Schlange schuf, ist mir deren Aufgabe wohl bewusst. Hätte die Schlange der Eva nicht die Frucht vom Baum der Erkenntnis gezeigt, hättet ihr Menschen heute noch kein Bewusstsein. Dann könntet ihr euch auch keine Gedanken darüber machen, ob Bewusstsein Sünde ist oder Chance. Ihr würdet nicht einmal die Schöpfung erkennen.“
„Ja aber, du hast die Beiden doch aus dem Paradies vertrieben!“
„Das gehörte zum Plan! Sie sollten selbst irgendwann überwinden, dass das Erlangen der Erkenntnis Sünde sei. Dazu dient ja auch die Erkenntnis. Freude über ihre ganz neuen Möglichkeiten sollten sie empfinden und Verantwortung daraus ableiten. Verantwortung für die Schöpfung. Ich übergab ihnen immerhin die Erde!“
„Es gilt noch immer als Sünde“, warf ich ein.

„Richtig, und das muss sich ändern wenn ihr weiter leben wollt.
Ich gab euch Gebote und ihr handeltet denen zuwider.
Die Strafe aber war nie meine, es war eure eigene, dadurch, dass ihr euch nicht in der Einheit bewegt, ihr dem Lauf der Dinge entgegen wirkt.
Schon in den Zeiten als die heiligen Bücher geschrieben wurden, machten die Menschen was sie wollten.
Wenn es schlecht ausging, zogen sie immer wieder Gott zur Verantwortung, sie machten in ihrer Kindheit immer wieder neue Fehler, nicht ich!
Wenn ein Vater seinem Sohn Orientierung bietet, dieser aber nicht danach handelt, wer ist dann schuld daran?
Wenn sich der Sohn aber trotzdem immer wieder klüger als der Vater sieht, wird ein liebender Vater sich immer mehr zurück ziehen, damit der Sohn endlich die Folgen seiner Taten erkennen kann und die Verantwortung selbst übernimmt.
Ich gab euch Hinweise, wie ihr handeln sollt um heil zu bleiben, ließ euch aber auch immer die Freiheit, die ihr begehrtet.“

„Und was soll jetzt anders werden?“ fragte ich sehr vorsichtig, denn Jahwe war einigermaßen erzürnt.
„Seht alle eure Möglichkeiten als Geschenk, nicht als Strafe. So auch euer Bewusstsein.
Das Böse auf der Welt geschieht immer nur aus Angst. Die dürft ihr ablegen.
Wichtig ist, dass ihr wieder den Zugang zum Baum des Lebens findet. Das wird auf der Erde ziemlich übersehen, euch reicht es, dass angeblich einer das schaffte. Dieser war nicht anders als ihr alle.“
„Jesus? Aber der schaffte es doch nur durch seinen Tod!“
„Durch das Handeln nach seinem Bewusstsein, der Tod war vielleicht eine Folge davon, aber nicht der Zweck.“
„Was kann ich da tun?“
„Du sollst die Geschichte, die ihr Genesis nennt, korrigieren.
Es muss deutlich werden, dass es keine Schuld des Menschen aus seiner Existenz heraus gibt. Das Leben ist eine Chance, keine Strafe. Auch wenn das Manchen ketzerisch klingen sollte, das wäre deine Aufgabe.“
„Wie soll ich das machen?“
„Am einfachsten, du gehst zurück zu der Zeit, als das Buch geschrieben wurde.“
„Zurück? Das geht doch nicht.“
„Für mich liegt das was ihr Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nennt in einem offen da. Und das kann auch für euch so sein. Ist nur eine Gewohnheit.“
„Und wenn ich es nicht schaffe?“
„Na dann…“ Jahwe fuhr mit seinem Zeigefinger über seine Kehle.
Sicherheitshalber  fragte ich nicht nach, was er damit meinte. So genau wollte ich das damals auch nicht wissen.
„Wie werde ich erkennen, dass das Ende nah ist, wenn ich versage?“
Seltsamerweise fiel mir das Schild des Gammlers in der Straßenbahn wieder ein.

„Die Idole eurer Zeit werden bald und früh sterben!“
„Das sind sie doch schon.“
„Na ja, für mich ist eben die Zeit in Einem übersehbar.
Zuerst wird es zwei Vollmonde hintereinander geben.
Das wird nur ganz wenigen auffallen.
Dann werden schon fünf solcher Erscheinungen auftreten.
Als nächste Warnung werde ich vielleicht den Stern von Bethlehem reaktivieren.
Sollte das alles nichts nützen, wird sich die Erde langsam auf die Sonne hinbewegen, das wird aber auch das Ende sein.
Ihr werdet das so sehen, dass der Himmel zurück weicht wie eine Buchrolle, die man zusammenrollt. Die Mächtigen der Erde und die Machtlosen, die ganze Menschheit, alle werden sich in Höhlen und Klüften verbergen. Sie werden zu den Bergen und Felsen rufen: ‚Deckt uns vor dem schrecklichen Leuchten, das über uns droht.‘
Und wenn ich das gesamte Universum eines Menschen vernichte, verursacht das nicht einmal ein Kräuseln auf der Oberfläche der Schöpfung.“

Starkes Szenarium. Für mich kräuselte sich da schon Einiges, aber das wollte ich nicht so zugeben.

„OK, was soll‘s, ich mach‘s“, beeilte ich mich zu versichern. Einige Zeit noch zu leben war besser als sofort tot.
„Abgemacht“, sagte Gott, schüttelte mir die Hand und ging aus dem Zimmer, nachdem er das Licht abgedreht hatte.
Gott sagte noch: „Auch ich bin vielleicht nur eine Projektion“, aber das hörte ich nicht.
Ihr fragt, warum ich das dann erzählen kann, wenn ich es doch nicht hörte?
Das ist so üblich in einem Thrillix.

5

„Was ist ein Ketzer, der widerruft und damit in den Augen Etablierter seine Seele rettet? Nur einer sieht es nicht so, nur einer weiß genau, dass er lediglich seine Haut gerettet hat. Er selbst!“

Pause. . .

„Schlecht ist die Neigung das zu tun, was vernünftig ist, wenn dieses Tun nicht gut ist. Das basiert schon auf der griechischen Philosophie.“

Erneute Pause . . .

„Auch verlor der Mensch durch die Paradiesgeschichte das Wissen darum was es heißt, ein Teil der Welt zu sein und er lernte ihr gegenüber zu stehen, ihr Feind zu sein.“

Ich rief laut, doch einigermaßen verwirrt diese Worte als ich erwachte.
Ich lag in einem Bett, angehängt an Schläuchen.

Seltsam unklar vernebelt war die Umgebung, zumindest zunächst.
Doch da schwebte eine engelsgleiche Figur heran, streichelte über meine Stirn und sprach beruhigend: „Ist schon gut. Ist ja nichts passiert. Alles in Ordnung.“
„Alles in Ordnung?“, wollte ich nachfragen, ging nicht so ganz, wie er es vorhatte.
Wenn Du verstehst, was das bedeuten soll. Interessiert hätte mich das schon.
Der Engel verstand mich scheinbar: „War nur ein Schock, alles vorbei!“
„Wo sind deine Flügel?“
„Ich bin kein Engel, ich bin die Schwester hier!“, antwortete die Flügellose.

Ich sah sich um.
Richtig, das musste ein Spitalszimmer sein. Rechts neben mir lag offensichtlich ein Inder. Jedenfalls hatte er einen Turban auf und eine dunklere Hautfarbe. Gegenüber lag noch jemand, den ich aber nicht genau ausnehmen konnte.

„Wieso bin ich in mir?“ fragte ich so einfach.
Aus dem Bett gegenüber klang es: „Scheiß da net die Wadln voll!“, was ja auf gut deutsch bedeutet: „Kack dir nicht die Unterschenkel an!“.
Da ich das ohnehin gerade und auch prinzipiell nicht vorhatte, antwortete ich zunächst nicht auf diesen vielleicht gutgemeinten aber sicherlich hypothetischen Imperativ.
„Warum sollten Sie nicht in sich sein?“, fragte die Krankenschwester.
„Ich war doch gerade noch bei Gott, und er…“
„Ist schon gut. Ist ja nicht wirklich lebensbedrohend gewesen!“
„Na und der Felsen?“
„Sie hatten nur einen Kreislaufkollaps mit einer Ohnmacht, keine Verletzungen. Sind eigentlich eher zur Beobachtung hier.“

„Heh, Prediger, du kannst bald wieder fort, bete für mich draußen!“, hörte ich von gegenüber.
„Prediger?“
„Na ja, so im Dämmerschlaf spricht man so manches, kein Grund besorgt zu sein! Ich bringe Ihnen einmal einen Tee, ist das in Ordnung?“, beschwichtigte die Schwester.
„Ja, aber ich habe doch einen Auftrag!“
„Da sprechen wir später darüber, einverstanden? Ich komme gleich wieder.“

„Was hast du denn für einen Auftrag?“ wollte der Patient gegenüber wissen.
„Soll die Welt retten“, murmelte ich.
„Das wäre gut!“, lachte die Schwester, die mit dem Tee ins Zimmer zurück kam: „Aber wie?“
„Er meinte“, begann ich und sah bedeutungsvoll an die Decke: „Er dort meinte, ich soll das erste Buch Moses neu schreiben!“
Ich sah jetzt etwas deutlicher und am Schild der Schwester den Namen „Lucy“.
„Die Genesis, Schwester Lucy.“
Der Inder drehte sein Gesicht zum Fenster. Wahrscheinlich wollte er sich in fremde Glaubensangelegenheiten nicht einmischen.
Lucy kam mir schon wieder wie ein Engel vor, allerdings nicht wie ein roter Engel, wie die Rubich…Oder kein Engel, na ja, ich sollte ja noch sehen, hat er gemeint…

Die Rubich!
Was war da in der Sackgasse gewesen?
Aber alles einmal der Reihe nach, Ordnung in die Gedanken bringen!
Zuerst das Wichtigste!
Also.
Lucy sah aus wie ein Engel.
Sanftes Gesicht, wunderschöne blaue Augen, blonde Haare.
Hoffentlich kein Traum?
Unter der Decke kniff ich mir in den Hintern!
Nein, Realität!
„Er meinte, da ist ein Fehler geschehen. Die Erbsünde ist gar keine!“
Der Inder verließ das Zimmer.
„Na daran glaubt doch kein Hahn mehr“, hörte ich von der anderen Seite.
Warum Hahn? Dachte ich, aber, alles der Reihe nach, nahm ich mich wieder zusammen und ging daher auf den Zuruf nicht ein.
„Lucy? Was bedeutet der Name?“, fragte ich also prioritätenbewusst und zugegeben auch um irgendwie mein Interesse zu zeigen.
„Meine Mutter sagte mir einmal, das steht für die bei Tagesanbruch Geborene….
Jetzt ist bald Visite, vielleicht können Sie morgen schon nach Hause, wenn Sie brav sind. Wahrscheinlich wird es besser sein, wenn die Ärzte einstweilen nichts über den Auftrag erfahren. Bleibt unser Geheimnis, ja?“.

Bei dieser Verschwörung tätschelte Lucy meine Wange, was mir nicht sehr unangenehm war. Die Schwester stellte den Tee neben dem Bett ab.
Der Herr gegenüber verlautbarte sein Einverständnis mit dem Schillerzitat: „Ich sei, gewährt mir die Bitte, in eurem Bunde der Dritte!“
Der Inder kam gerade rechtzeitig mit dem Konvolut von Ärzten und Schwestern der Visite ins Zimmer zurück.
Lucy gesellte sich in diese Versammlung und zwinkerte mir aufmunternd zu.
Eine Schwester las aus einem Umschlag irgendwelche für mich nichtssagende Werte laut vor.
Einer der Ärzte murmelte zustimmend und kopfnickend.
Er begann im Anschluss: „Ja, wenn die Nacht ohne Vorkommnisse vorbei geht, können Sie morgen gehen. War wohl nur eine vorübergehende Schwäche, klinisch keine Besonderheiten. Essen Sie mehr, besonders Vitamine, junger Mann und gehen Sie zeitig zu Bett!“
Ich sah beim Wort „Bett“ unwillkürlich und rein zufällig zu Lucy.
Die ließ sich aber nicht anmerken, dass hier eventuell ein Zusammenhang wäre.
Na gut, sie ist ja ein Engel, da dauert das, wusste ich von irgendwo her.
Dieser Engel deute mir vielsagend mit einem angedeuteten Nicken an, ich möge dem zustimmen.
„Ja, früh zu Bett und viel Vitamine, Herr Doktor!“, beeilte ich mich zu versichern.
„Oberarzt“, warf eine der älteren Schwestern streng ein.
„Mehr essen, danke Herr Oberarzt“, setzte ich noch nach.
Das dürfte ausschlaggebend gewesen sein, denn die Versammlung bewegte sich dem Bett des Inders zu.
Ich wartete ab, ich trank den Tee.
Irgendwann, als es draußen schon zu dämmern begann, kam Lucy nochmals ins Zimmer. Sie gab uns Dreien im Zimmer jeweils einen Fieberthermometer, dem Herrn gegenüber schloss sie eine neue Infusionsflasche an.
Hatte kein Fieber und Lucy strich mir die Bettdecke glatt. „Was machen Sie?“ fragte sie.
„Na ja, ich werde die Welt retten!“
Die Schwester lächelte: „Na klar, nehmen Sie mich mit?“
„Wie Bond die Honey Ryder, die Andress?“, versuchte ich zurück zu scherzen. Bond wirkte damals ganz gut.
„Ganz so aufregend wird es doch nicht werden?“
„Versprochen!“ sagte ich.

6

Am nächsten Morgen, als ich erwachte und mich umsah, bemerkte ich, dass der Inder nicht mehr da war. Sein Kopfkissen war mit brauner Farbe leicht verschmutzt.
Lucy kam herein und brachte meine Entlassungspapiere.
„Wo ist denn der Nachbar?“, wollte sie wissen.
„Keine Ahnung“ war meine Auskunft. „Habt Ihr ihn nicht fortgeschickt?“
Lucy lief aus dem Zimmer, kam kurz darauf mit einigen anderen Engeln zurück, die auf das leere Bett starrten, tuschelten und dann das Zimmer wieder verließen.
„Scheißt euch net die Wadln voll“, meinte das freundliche Gegenüber, aber die Schwestern hörten das nicht mehr.
Zu mir sagte er noch etwas, das wie „war kein Inder“ klang.
Auf dessen verlassenem Bett lag auch der Turban. Oder war es vielleicht auch nur ein Kopfverband gewesen, oder ein Handtuch? Und vielleicht war die braune Farbe am Polster Schminke?
Aber das wollte ich damals gar nicht mehr so genau wissen.
Nach dem Frühstück verabschiedete ich mich von Lucy: „Man sieht sich!“,
„Ist gut!“ und ich verließ das Krankenhaus.

Beim Nachhauseweg machte ich noch einen Umweg und ging in die Gasse, in der die Rubich verschwunden war und der Felsen mich betroffen hatte.
Am Ende der Sackgasse fand ich auch meine Schuhe.
War gut, denn seit der Entlassung ging ich barfuß durch die Stadt. Man dachte wahrscheinlich, ich protestierte gegen die Lederindustrie.
Und da lag ein Riesenfelsen!
Allerdings aus Styropor.
Zwei ältere Damen und ein Herr standen da. „Ist da was geschehen?“, fragte ich sie.
„Unfall, vorgestern! Ein Lastauto mit Filmrequisiten ist umgestürzt. Der Fahrer war tot. Und ein junger Mann hatte so einen Schock bekommen, dass er ohnmächtig wurde. Wahrscheinlich dieses LSD!“, vielsagend nickten die Damen zur Auskunft durch den Herrn.

Mehr wollte ich nicht hören. Ich kaufte mir noch eine Tageszeitung, etwas Gebäck und ging in meine Wohnung.
Beim Kaffee schlug ich die Zeitung auf, aber es gab da keinen Bericht über seinen Unfall.
In der Beilage fand ich einen Artikel. Da stand geschrieben:
„Roger Adams, ein Wissenschaftler in Pasadena/Kalifornien stellte auf Grund seiner Molekular- und Quantenforschung fest, dass die Heimat des Menschen eine ganz andere ist, als allgemein gedacht wird. Und, dass die Erde als Organismus angesehen werden kann.
Tatsächlich ist die Erde ein Teil eines Atoms, das in einem Bakterium, das ähnlich dem Escherichia coli ist, ‚lebt‘.
Das Besondere daran ist, dass sich dieses Bakterium im Regelfall in einem Darm aufhält. Nun nimmt Adams auch wegen seiner Quantenforschungen an, dass dieses Bakterium sich ebenfalls in einem Darm befindet, dem Darm eines riesigen Wesens aber.
Stimmt diese These, dann leben die Menschen auf einem atomaren Teilchen eines winzigen Bakteriums innerhalb des Darmes eines riesigen Wesens.
Natürlich kann der Bewohner eines solchen Atomteiles höchstens die naheliegenden Atomteile ausnehmen, die für ihn das Universum darstellen.
In Pasadena befindet sich bekanntlich auch das California Institute of Technology (Caltech), zu dem das Jet Propulsion Laboratory gehört, das in Zusammenarbeit mit der NASA (Nationale Luft- und Raumfahrtbehörde der USA) betreibt.
Ebenfalls befindet sich in diesem Vorort von Los Angeles das Hauptquartier der Theosophischen Gesellschaft in Amerika.
Pasadena ist auch der Geburtsort des Schauspielers George Nader, der in Europa durch die Darstellung des FBI-Agenten Jerry Cotton bekannt wurde.
Man kann jedenfalls gespannt sein, wie Reaktionen auf diese These aussehen werden.
Wir werden weiter berichten.“

Ich nahm die Zeitung und lief aus der Wohnung. Hatte es eilig.
Zum Spital. Zu Lucy.
„Es geht los!“
„Was denn“, lachte Lucy.
„Die Welt retten!“
„Gut, habe gerade Dienstschluss! Wollen wir das bei einem Kaffee in der Kantine besprechen?“
Nachdem die Bedienung ein Frühstück gebracht hatte, zeigte ich Lucy den Artikel.
„Interessant!“, fand Lucy, „aber was hat das mit der Rettung der Welt zu tun?“
Ich weihte Lucy mit meinen Erlebnissen mit Gott ein:
„Ich muss also die Welt retten, sonst holt man mich wieder ab!“
Schilderte auch die Folgen für die Menschheit, falls ich die Welt nicht zu retten vermochte, zunächst die Warnungen, die zwei und fünf Monde, den Stern von Bethlehem, dann das Ende mit dem Sturz in die Sonne.
„Du bist ziemlich verrückt!“, meinte Lucy.
„Vielleicht, aber du wolltest dabei sein“, wandte ich ein. Ich stieg sofort auf die Gelegenheit des Du-Wortes ein. Die Auswirkungen des Unfalls waren scheinbar überstanden, ja, ich war wieder geistesgegenwärtig wie vorher.
„Was sollen wir tun? Und warum hat der Artikel dafür irgendwelche Bedeutung?“
„Verstehst du nicht? Adams, Roger ADAMS!“
„Wie der mit der Eva?“
„Genau! Wieder ein Fingerzeig Gottes. Ich darf das nicht mehr so einfach abtun und nicht beachten.“
Ich erzählte Lucy die Vorgeschichte meiner Begegnung, einschließlich des Songs ‚I am what I am‘. Als ich seinen Kaffee zuckerte, flüsterte ich Lucy effektvoll ins Ohr:  „Nichts wie hin!“
„Nichts wie hin? ….Wenn ich mir Urlaub nehme…, du bist sicher ein Sonntagskind, oder?“
„Warum Sonntagskind? Sind die so…so…wie ich?“
„Sind eben Glückspilze! Ich habe nämlich eine Reise für zwei Personen nach Los Angeles gewonnen. Ja! Mit einmonatigem Aufenthalt.“
„Geh, Lucy, du machst Spaß?“
„Nein wirklich, da sieh…“
Lucy griff nach ihrer Tasche und nahm ein Exemplar der gestrigen Abendzeitung heraus. Da stand auf Seite 14 tatsächlich, dass eine gewisse Lucy Bluppblupp (Name wegen Datenschutz vom Autor verfälscht) genau diese Reise gewonnen hat.

Ich sprang gleich auf und lief aus der Kantine.
Zum nächsten Zeitungskiosk.
„Haben Sie noch ein Exemplar der gestrigen Abendzeitung?“ keuchte ich dem Verkäufer entgegen.
„Ich sehe nach“, antwortete dieser und ging nach hinten. Zurück kam er mit einer Zeitung: „Glück gehabt, ist noch nicht abgeholt, hier.“
Ich zahlte (glaube ich) und lief wieder zu Lucy.
Schlug die Seite 14 der Zeitung auf und … tatsächlich, da stand es wieder.
„Das bist wirklich du?“
„Das bin ganz wirklich ich!“
„Du heißt Lucy Bluppblupp (Name wegen Datenschutz vom Autor verfälscht)?“
„Ich heiße Lucy Bluppblupp (Name wegen Datenschutz vom Autor verfälscht). Aber das ist doch die gleiche Zeitung wie ich sie habe!“ wunderte sich Lucy.
„Ja, aber ich wollte nur sicher sein, dass das auch wahr ist. Bin vielleicht wirklich ein Sonntagskind!“
„Na ja, aber es ist doch DIE GLEICHE Zeitung!“
„Na eben, zweimal können die sich nicht verschreiben!“
„Du bist ziemlich verrückt“, meinte Lucy mit ziemlich liebevoller Stimme.
„Ich gehe packen! Gib mir deine Nummer, ich rufe dich an. Nimm einstweilen Urlaub!“
Lucy gab mir die Nummer.
„California, here we come? I wish they all could be California girls?“
„Be sure to wear some flowers in your hair!
Auf zu Dr. Adams, nach Pasadena!“

Und weiter geht es dann bald im Buch



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